Eine Fachmesse kann sich darauf beschränken, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen, oder sie kann zu einem strategischen Instrument werden, das zur Entwicklung einer gesamten industriellen Lieferkette beiträgt. Aus dieser zweiten Sichtweise heraus entstand das Seaquip Advisory Board, das neue strategische Forum, das Easyfairs eingerichtet hat, um das Wachstum der B2B-Messe für nautische Ausrüstung und Komponenten zu begleiten, die für März 2027 geplant ist.
Das erste Treffen, das in der Triennale Milano stattfand und vom Autor moderiert wurde, brachte Vertreter der Azimut/Benetti Group, von Antonini Navi, Baglietto, Groupe Beneteau, Ferretti Group, Rio Yachts, Sanlorenzo Group, Solaris Yachts, Valdettaro Group und WOSA Yacht Refit & Survey zusammen. Statt einer organisatorischen Besprechung wurde daraus ein Austausch zwischen Fachleuten, die täglich Yachten entwerfen, bauen, Komponenten beschaffen, Produktionen steuern und sich mit den konkreten Herausforderungen des italienischen Yachtbaus auseinandersetzen. Genau dies machte die Diskussion besonders wertvoll: keine theoretische Debatte, sondern eine sehr realistische Momentaufnahme der Prioritäten, mit denen sich die Branche in den kommenden Jahren beschäftigen muss.
Die Diskussion behandelte ein breites Themenspektrum, von Innovation und Digitalisierung über Nachhaltigkeit und Lieferkettenmanagement bis hin zum wachsenden Mangel an qualifizierten Fachkräften. Unterschiedliche Themen, die jedoch durch ein gemeinsames Bewusstsein verbunden sind: Nach der außergewöhnlichen Expansion in den Jahren nach der Pandemie ist die Yachtbranche in eine Phase der Marktnormalisierung eingetreten, die die Werften dazu verpflichtet, weiter zu investieren, um ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Mehrere Teilnehmer wiesen darauf hin, dass Phasen langsameren Marktwachstums häufig der beste Zeitpunkt sind, um Investitionen in Forschung und Entwicklung zu beschleunigen, und erinnerten daran, dass Unternehmen, die während der Finanzkrise 2008-2012 weiter innovierten, daraus stärker hervorgingen als viele ihrer Wettbewerber.
Einer der interessantesten Punkte der Diskussion betraf die Frage, wie Innovation in der Yachtbranche heute überhaupt entsteht.
Nach Ansicht mehrerer Teilnehmer besteht die Herausforderung nicht einfach darin, neue Lieferanten zu finden. Unternehmen, die Komponenten herstellen können, gibt es viele, und der Markt verfügt über ein breites Spektrum an Fachwissen. Die eigentliche Schwierigkeit liegt darin, innovative, bislang wenig bekannte Unternehmen zu identifizieren, die das Potenzial haben, Entwicklungspartner für neue Lösungen zu werden.
Das ist ein grundlegender Unterschied.
Einen langjährigen Lieferanten anzurufen, ist vergleichsweise einfach. Deutlich anspruchsvoller ist es, ein kleines Unternehmen zu entdecken, das vielleicht bereits erfolgreich in einem anderen Industriezweig tätig ist, über eine interessante Technologie verfügt, aber noch nie die Gelegenheit hatte, mit der nautischen Industrie in Kontakt zu treten. In solchen Fällen ist das Hindernis nicht technischer, sondern relationaler Natur: Es fehlt häufig die Gelegenheit, jenes Vertrauen aufzubauen, das bei der gemeinsamen Entwicklung von Produkten unverzichtbar ist.
Daraus ergab sich auch eine weitergehende Reflexion über die Rolle von Seaquip. Mehr als eine klassische Fachmesse will die Veranstaltung ein Ort werden, an dem Angebot und Nachfrage lange vor der Marktreife eines Produkts zusammenkommen, wenn Ideen, technische Anforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten noch geteilt und diskutiert werden.
Die Diskussion wandte sich zwangsläufig auch der Rolle großer internationaler Fachmessen zu. Der Bezug ging selbstverständlich auf die METS Amsterdam, die weltweit als führende Messe für nautische Ausrüstung und Komponenten gilt. Niemand stellte ihre Bedeutung infrage, doch ihre Größe eröffnete eine interessante Diskussion.
Mit mehr als 1.200 Ausstellern, so beobachteten einige Teilnehmer, ist es praktisch unmöglich geworden, die gesamte Messe innerhalb weniger Tage zu erfassen. Wer einen bestimmten Technologiepartner sucht, schafft es oft nur, einen Bruchteil der verfügbaren Aussteller zu besuchen, während viele hochinnovative Unternehmen Gefahr laufen, unbemerkt zu bleiben. Genau diese Überlegung bildet die Grundlage für die Idee, eine stärker fokussierte Veranstaltung zu entwickeln, bei der qualifiziertes Networking, technische Inhalte und substanzielle Geschäftsgespräche Vorrang haben vor dem bloßen Durchlaufen der Messehallen.
Unter allen diskutierten Themen fand die Digitalisierung zweifellos den breitesten Konsens.
Sie wird nicht mehr nur als Verbesserung des Borderlebnisses des Eigners oder als Integration neuer digitaler Technologien verstanden. Vielmehr gilt sie zunehmend als Instrument, das den gesamten Lebenszyklus einer Yacht begleiten kann.
Für Werften bedeutet dies, Garantieleistungen besser zu steuern, Predictive Maintenance umzusetzen, Informationen über technische Probleme zu sammeln und umfassende digitale Datensätze aufzubauen, die zu wertvollen technischen Grundlagen für die Konstruktion künftiger Yachtgenerationen werden.
Betriebsdaten erhalten damit strategischen Wert, weil sie den Bauwerften ermöglichen zu verstehen, wie Yachten tatsächlich genutzt werden und welche Komponenten während ihrer Nutzungsdauer besondere Aufmerksamkeit erfordern. Eine große Menge an Informationen, die noch vor wenigen Jahren häufig verloren ging, kann heute in technisches Wissen umgewandelt werden.
Die Analyse der Betriebsdaten brachte zudem einen der nachdenklichsten Aspekte des gesamten Treffens zum Vorschein.
Nach Studien, auf die während der Diskussion Bezug genommen wurde, verbringt eine Yacht den größten Teil ihres Lebens im Hafen, ist nur rund 10 % ihrer Lebensdauer unterwegs und nutzt die maximale Motorleistung nur während eines sehr kleinen Teils ihrer Betriebszeit.
Diese Erkenntnisse dürften die künftige Yachtkonstruktion deutlich beeinflussen.
Wenn dies die reale Nutzung korrekt abbildet, gewinnen die Energieeffizienz der Bordsysteme, Klimaanlagen, das Hotel-Load-Management, Automatisierung und die Reduzierung des Energieverbrauchs während langer Liegezeiten im Hafen zunehmend an Bedeutung. Zugleich zeigt sich, wie begrenzt die Übertragbarkeit von Umweltvorschriften ist, die ursprünglich für die Berufsschifffahrt entwickelt wurden, auf die Freizeitschifffahrt, deren Nutzungsprofile grundlegend anders sind. Mehrere Teilnehmer sprachen sich daher für Umweltleistungsindikatoren aus, die speziell auf den Wassersport- und Yachtbereich zugeschnitten sind.
Auch die Diskussion über Nachhaltigkeit zeigte einen sehr pragmatischen Ansatz.
Die direkte Nachfrage der Eigner nach “grünen” Yachten bleibt vergleichsweise begrenzt. Dennoch waren sich die Teilnehmer einig, dass dies die Werften nicht dazu veranlassen darf, Investitionen aufzuschieben. Im Gegenteil: Es bestand breite Übereinstimmung darüber, dass neue Yachten bereits so konzipiert werden sollten, dass sie die Energietechnologien aufnehmen können, die sich in den kommenden Jahren durchsetzen dürften, unabhängig davon, welche Antriebslösung letztlich vorherrschen wird.
Dies ist das Konzept hinter “Future Ready” Yachten: Maschinenräume, Bordsysteme und Energieverteilungsarchitekturen so zu planen, dass sie flexibel genug sind, künftige technologische Entwicklungen aufzunehmen, ohne vollständige Neukonstruktionen zu erfordern.
Gleichzeitig wurde Nachhaltigkeit als Ergebnis zahlreicher schrittweiser Verbesserungen verstanden: leichtere Strukturen, bessere Wärmedämmung, Rückgewinnung von Abwärme, geringere Lasten der Klimaanlagen, effizientere Materialien und zunehmend optimierte Produktionsprozesse. Kein einzelner revolutionärer Durchbruch, sondern der kumulative Effekt vieler praktischer technischer Verbesserungen.
Unter allen diskutierten Punkten betraf der vielleicht bedeutendste den gesamten Lebenszyklus der Yacht. Die Teilnehmer stellten fest, dass etwa 80 % der mit einer Yacht verbundenen CO₂-Emissionen bereits während ihrer Bauphase entstehen. Wenn diese Zahl zum Ausgangspunkt künftiger Bewertungen wird, kann Nachhaltigkeit nicht länger ausschließlich daran gemessen werden, was geschieht, sobald die Yacht in Betrieb ist. Materialien, Herstellungsprozesse, industrielle Organisation, Abfallverwertung und Effizienz der Produktionsstätten werden ebenso wichtig wie die an Bord installierten Antriebssysteme.
Während Innovation eine große Chance darstellt, bleibt die Lieferkette eine der kritischsten Herausforderungen für den italienischen Yachtbau.
Werften stützen sich zunehmend auf komplexe Lieferantennetzwerke, die Produktqualität, Lieferzeiten und Produktionskapazität direkt beeinflussen. Die Auswahl der Zulieferer basiert nicht mehr allein auf Preis oder technischer Kompetenz, sondern auch auf der Fähigkeit, sich digital in die von den Werften genutzten CAD- und ERP-Systeme zu integrieren. Infolgedessen wird die digitale Integration entlang der gesamten Lieferkette zu einem echten Wettbewerbsvorteil, während mehrere Bauwerften prüfen, ausgewählte Fertigungsaktivitäten wieder ins eigene Haus zurückzuholen, wenn der Markt die erforderlichen Qualitätsniveaus oder die notwendige Kostenwettbewerbsfähigkeit nicht garantieren kann.
Wenn es jedoch ein Thema gab, bei dem alle Teilnehmer vollständig übereinstimmten, dann war es die Bedeutung des Humankapitals.
Der Mangel an qualifizierten Laminierern, Schweißern, Tischlern, Systemtechnikern, Lackierern und anderen hochspezialisierten Fachkräften bleibt eines der größten Wachstumshemmnisse für die italienische Yachtindustrie. In mehreren Produktionsdistrikten hat sich der Wettbewerb zwischen den Werften um qualifizierte Arbeitskräfte weiter verschärft, während viele traditionelle Gewerke heute in hohem Maße von ausländischen Arbeitskräften getragen werden.
Die Teilnehmer stellten außerdem fest, dass die Herausforderung weit über den Arbeitsmarkt hinausgeht. Das italienische Berufsbildungssystem gilt weiterhin als nicht ausreichend wirksam, um die spezialisierten Kompetenzen zu vermitteln, die der heutige Yachtbau erfordert. Deshalb seien größere Anstrengungen nötig, um jüngere Generationen frühzeitig an maritime Berufe heranzuführen und Karrierewege aufzuwerten, die weiterhin zu den prägenden Stärken des italienischen Yachtbaus gehören.
Zu den operativen Empfehlungen des Advisory Board gehörte auch die Notwendigkeit, die Zusammenarbeit mit anderen Industriezweigen zu stärken. Automotive, Aerospace, Interior Design und sogar Open-Source-Forschungsplattformen wurden als Bereiche genannt, aus denen die Yachtbranche Technologien, Materialien und etablierte Kompetenzen übernehmen könnte. Zugleich betonten die Teilnehmer die Bedeutung dauerhafter digitaler Instrumente, die Beziehungen zwischen Ausstellern und Besuchern weit über die Dauer der Messe hinaus aufrechterhalten können.
Das Ziel ist klar: Seaquip soll von einer klassischen Fachmesse zu einer dauerhaften Plattform für Beziehungen, Innovation und Technologietransfer werden, die die italienische nautische Lieferkette mit neuen Partnern und führenden internationalen Akteuren verbindet.
Mehr als eine organisatorische Besprechung bot das erste Seaquip Advisory Board die Gelegenheit, direkt von den Fachleuten zu hören, die jeden Tag italienische Yachten entwerfen, bauen und weiterentwickeln. Die Diskussion zeichnete das klare Bild einer Branche, die weiterhin in Innovation investiert, Nachhaltigkeit und Digitalisierung pragmatisch angeht und zugleich anerkennt, dass qualifizierte Menschen und eine starke Lieferkette die entscheidenden Faktoren bleiben, auf denen die globale Führungsposition Italiens im Yachtbau beruht.
FP