Die Boesch-Werft in Kilchberg könnte in jedem Heimatfilm die perfekte Kulisse spielen. Vorne der See, hinten eine Schokoladefabrik und in der Ferne die schneebedeckten Alpengipfel. Nach Jakob, Walter, Klaus und Urs steht mit Markus Boesch die vierte Generation am Steuer der Traditionswerft, die eigentlich höchst moderne Boote baut, wie wir bei unserem Besuch herausfanden. Ein Portrait und ein Exkurs in die Boesch-Saga – mit einigen erstaunlichen Einblicken.
Eine Mahagoni-Schönheit von Boesch gilt nicht nur auf dem Zürichsee als Statussymbol. Man zeigt damit, dass man Geschmack, Stil, Geld und eine Villa mit Seeanstoss oder Bootshaus hat. Und Wert auf Authentizität und Kontinuität legt. Rund 500 Mahagoni-Boote cruisen auf dem Zürcher Heimrevier. Die meisten Besitzer kennt Markus Boesch persönlich, denn häufig kümmert man sich bereits seit Generationen um die Edelholz-Preziosen. Ob Old Money vom Zürichberg oder hippe Jungunternehmer – der zeitlose Auftritt der Manufaktur-Boote gefällt. Doch der Retrolook täuscht. Denn die legendären Runabouts bringen alles mit, was heute trendy ist: Schnelligkeit, Effizienz, Werterhaltung und erst noch Sustainability – um Nachhaltigkeit modern zu formulieren. Aber sind nicht E-Boote der letzte Schrei? Über den aktuellen Hype um Boote mit Elektroantrieb kann Markus nur milde lächeln: «Einige der allerersten Motorboote fuhren bereits 1839 dank E-Motor und Akku. Bei Boesch bauen wir seit Ende des 19. Jahrhunderts Modelle mit Electric Power, trotzdem lieben unsere Kunden nach wie vor den satten Sound der V8-Motoren.» Das hohe Batteriegewicht, fehlende Reichweite und Ladeinfrastruktur sowie die höheren Kaufpreise machen die E-Boote zum Nischenprodukt. Kein Wunder, befinden sich drei moderne Hersteller von reinen Elektrobooten in der Insolvenz.
Wie alles begann
1890 hat der Zimmermann Jakob Bösch (man beachte die Schreibweise) ein Problem: bei den Arbeiten in hohen Dachstühlen ist er nicht schwindelfrei. So lässt er sich bei einer Werft in Zürich anstellen und zum Bootsbauer umschulen. Er wechselt zur Treichler Werft und steigt zum Vorarbeiter auf. Dort lief übrigens bereits 1897 das erste E-Boot vom Stapel. Doch die Werft geht nach dem 1. Weltkrieg in Konkurs und Jakob ist der letzte Angestellte. Kurzerhand kauft er 1920 die Firma, mit einem Darlehen von Direktor Sprüngli – die Familie hat nämlich ihre Boote in der Werft liegen. Jakob baut und repariert Ruder-, Segel- und Motorboote und stellt fünf Jahre später seinen Sohn Walter als Lehrling ein. Der bringt seine Faszination für schnelle Halbgleiter ein und unter seine Leitung entsteht 1952 das erste Boesch-Markenzeichen: Horizon Gliding®. Dieses einzigartige Fahrgefühl entsteht dadurch, dass die Boesch-Flitzer dank Mittelmotor, starrer Welle und schräg angeströmtem Propeller am Heck einen Lift-Effekt erfahren. Kombiniert mit dem dynamischen Auftrieb, liegt eine Boesch also horizontal auf ihrer Bugwelle und kimmt nicht auf. Die flache und stabile Heckwelle macht die Boote zu perfekten Zugmaschinen für Wasserskifahrer. Kein Wunder wurden von 1960 bis 1995 die Europameisterschaften und bis 1991 sogar die Weltmeisterschaften hinter Boesch-Booten ausgetragen.
Inspiration USA
Die Benzinknappheit im Zweiten Weltkrieg führt zum vorübergehenden Aus für den Motorbootbau. Also legt Walter Boesch auch wieder Segelboote auf Kiel. Und auch hier setzte er auf Geschwindigkeit. Seine Starboote standen im Ruf, extra schnell zu sein. Und schafften es sogar bis nach Australien, wo die Schweizer an der Olympiade in Melbourne auf einem Boesch-Star segelten.
Nach Kriegsende nahm die Nachfrage nach Motorbooten rasant zu. Aufgrund des niedrigen Wechselkurses des Schweizer Frankens gegenüber dem Dollar kam es zu einem regelrechten Boesch-Boom der damit relativ günstigen Runabouts. Walter Boesch schaute sich deshalb in der Automobilstadt Detroit den Serienbau u.a. bei Ford an und setzte diese Technik ab 1953 als erstes Unternehmen im Bootsbau in Europa um. Nach einer weiteren Studienreise stellte er die Bauweise von Querspanten auf Sperrholzplatten auf einer selbsttragenden Stringer-Rumpfkonstruktion um. Noch heute werden die Boote mit der Boesch Laminate Technology mit bis zu elf Schichten gegenläufigem Mahagoniholz verleimt. Das Aussenfurnier erhält eine Versiegelung mit bis zu acht Schichten Epoxidharz (dreimal zwischengeschliffen). Darüber kommen sechs weitere Schichten PU-Lack, welche die Tiefe und die Schönheit des Holzes zur Geltung bringen. Das ständig perfektionierte Hightech-Verfahren verleiht dem Holz eine 25% höhere Festigkeit gegenüber GFK-verstärktem Kunststoff. Dank hoher Nachfrage wird 1973 weg vom See in Sihlbrugg im Kanton Zug eine moderne Produktionsstätte eröffnet, wo bis zu 150 Boote pro Jahr hergestellt werden können.
In den 1970er Jahren rückt die dritte Generation der Familie nach, mit sanftem Zwang der Eltern in die richtige Ausbildung gelotst. Klaus Bösch, der Vater von Markus Bösch als frisch diplomierter Schiffbauingenieur, sein Bruder Urs als Maschinenbauingenieur. Perfekte Voraussetzung für die Fortführung der Familientradition. Doch der Markt spielt verrückt, da hilft auch keine noch so umfassende Ausbildung. Ölkrise und Abwertung des Dollars heissen die neuen Herausforderungen. Für die Böschs, die nach einem Markenstreit anfangs der 1960er- Jahre mit Bosch aus Stuttgart neu Boesch heissen müssen, ist die Lösung klar: weg von der Grossproduktion, hinein in die Nische.
Mit neuen Technologien entstehen neue Modelle, noch grösser, noch luxuriöser. Die Form der Boote bleibt unverkennbar Boesch, aber technisch weiterentwickelt. Urs Boesch erfindet mit viel Rechnen und noch mehr empirischen Versuchen in den 80er-Jahren das Beulenruder, das in der verdrallten Propellerströmung perfekt arbeiten kann. Patentieren lässt sich das geniale Ruder leider nicht. Zu viele Parameter beeinflussen die individuelle Form für jedes Boot. Fun Fact: die US-Navy hat ihre Fregatten und Zerstörer ein paar Jahre später mit einem, dem Boesch-Ruder ähnlichen Ruderblatt ausgerüstet.
Die Mahagoni-Manufaktur
Zusammen mit Markus besuche ich die Werft in Sihlbrugg. Das Produktionsprinzip ist ganz einfach: hinten Baum rein, vorne Boot raus. Heute fertigt Boesch 12 bis 15 Motorboote pro Jahr. Bauzeit ca. sechs Monate, Verkaufspreise zwischen 240 000 und 800 000 Schweizer Franken. Im Vorbeigehen grüsst er einen jungen Mitarbeiter, Lehrling im ersten Lehrjahr. Sechs bis acht Lernende werden als Bootsbauer ausgebildet. Produziert werden die Bootskörper kopfüber. Insgesamt rund 35 Mitarbeiter kümmern sich in Sihlbrugg und Kilchberg um Bau, Unterhalt und Service. Die Profis in ihren dunkelblauen T-Shirts mit dem Boesch-Logo wissen, dass sie nicht nur an Booten, sondern an einer starken Marke bauen. Das spürt man und sieht man an den Zahlen der Dienstjahre. Eine CAD-Fräse sucht man vergeblich, es sind Schablonen, mit denen die neuen Modelle entstehen. Ausser Giessen und Verchromen wird alles inhouse produziert. Vom Kabelbaum bis hin zur gebogenen Windschutzscheibe, die in einem eigenen Ofen in Form gebracht wird. Zwei bis drei grosse Mahagonibäume aus kontrolliertem Anbau werden jährlich zu Holzbooten veredelt. Die Händler, welche die Stämme persönlich in Afrika aussuchen, kennt man seit Generationen. Geheizt wird die Manufaktur übrigens mit Abfallholz…
Die vierte Generation
Als Kind spielte Markus an Wochenenden oft in der Werft. Sein Sommerjob war die Bedienung der Tankstelle, wo auch Udo Jürgens mit seiner Boesch «Merci Chérie» Kunde war. Boesch Junior erinnert sich noch gut an das grosszügige Trinkgeld des Chansonniers. Dem Wunsch nach dem Einbau eines Flügels konnte Klaus Boesch leider aus Statikgründen nicht nachkommen. Weitere Stars wie Fredy Quinn, Peter Kraus und Romy Scheider kreuzten hauptsächlich im Tessin herum. Sonnte man sich bei Riva im Ruhm von Brigitte Bardot und dem Schah von Persien, setzte man bei Boesch mehr auf Understatement, Diskretion und eine elegante Form von Bodenständigkeit. Anders als der italienische Mitbewerber, wo die Besitzerfamilie verkaufte und das Unternehmen zum Spielball von Investoren unterschiedlichster Couleur wurde (und schliesslich in chinesische Hände überging). Das will Markus Boesch vermeiden. Er übernahm die Firma von seinem Vater und seinem Onkel. Ganz in der Familientradition sollte er zuerst Maschinenbau studieren. Doch die trockene Materie ist nichts für ihn, der schon im Gymnasium Leistungsschwimmer ist. Es folgt die Handelsschule, parallel dazu lässt er sich zum Schwimmtrainer ausbilden und wird Coach der Junioren-Nationalmannschaft.
Nach dem beruflichen Einstieg bei einem IT-Unternehmen fehlt ihm schon bald der familiäre Geist und die Kontinuität eines Traditonsunternehmens. Dem Ruf zurück in die Firma folgt er dann nur allzu gerne. Er bringt seine IT-Kenntnisse für eine bessere Lagerbewirtschaftung ein, definiert Prozesse neu und erlaubt seinen Führungskräften eine Beteiligung an Tochterfirmen. Das Familienunternehmen hat er gemeinsam mit seiner gesamten Crew souverän durch die Coronakrise gesteuert. Im zweiten Covidsommer war Boesch diejenige Bootswerft in Europa, die am schnellsten liefern konnte – obwohl das Boot noch erst gebaut werden musste. Ab Bestellung dauerte es lediglich 14 bis 16 Wochen, bis der neue Eigner den Schlüssel drehen konnte.
Doch die Herausforderungen nehmen nicht ab, die Kadenz der Ereignisse wird immer kürzer. Der Hauptmarkt Mitteleuropa stagniert oder schrumpft sogar. China ist potentiell interessant, es braucht aber viel Kapital für einen richtigen Markteinstieg. USA hat man früher schon versucht, aber die US-Händler wollten möglichst viele Boote an Lager haben, damit sie der Kunde gleich mitnehmen kann. Ein höherer Output liegt aber mit der heutigen Konstellation nicht drin. Dafür ist man gezwungen, weiter in die Fertigungstiefe zu investieren. Mit jedem Jahr wird die Auswahl an möglichen Lieferpartnern kleiner, sodass nur eine Inhouse-Herstellung Garantie für einen lückenlosen Workflow bietet.
Auch bei der Motorisierung stellen sich neue Fragen. In den USA boomen aktuell protzige Aussenborder, doch Boesch setzt lieber auf eingebaute Motoren. Früher von Chevrolet, heute auf die bereits legendären Ilmor-V8-Antriebe von Motoren-Magier Marco Ilien. Trumps Zollhammer ist im Moment zwar vom Tisch, aber unterschiedliche Abgasnormen zwischen der alten und der neuen Welt lassen immer noch viele Fragen offen, wo es in Zukunft hingehen soll.
Trotz seinem vollen Engagement für die Traditionsmarke achtet Markus Boesch auf eine ausgewogene Work-Life-Balance und trennt Arbeitszeit und Privatleben strikt. Sein Onkel Urs kannte kein Wochenende, da wurde immer gearbeitet. Und sein Vater Klaus hat ausgerechnet, dass er ein ganzes Lebensjahr an der boot Messe in Düsseldorf verbracht hat – in über 50 Jahren kommt halt einiges zusammen. Dafür besucht er jetzt im Ruhestand Vorlesungen in Geschichte und holt damit seinen Jugendtraum nach, den er für das Familienunternehmen aufgab. Fun Fact 2: eine Kommilitonin ist seine Enkelin – es bleibt also alles wieder in der Famile.
Aus WAVE Magazin 71
Text: Stefan Detjen
Fotos: ZVG/JÜrg Kaufmann